Machen oder Sein

Unbewusste Glaubenssätze und blinde Flecken schwächen den Erfolg sozialer Bewegungen – wenn sie tabu bleiben. Eine Kluft zwischen behaupteten und wahren Motiven entsteht. Ich selbst kann mich nicht ausnehmen. Eine Introspektion.
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Erschienen in der ZEIT, 16.4.2015

                      Wenn alles still ist, geschieht am meisten.
                                                Søren Kierkegaard

Seit ich denken kann, strenge ich mich an, ein guter Mensch zu sein. Kein Zufall also, dass ich mich seit 40 Jahren in den Szenen von Umweltschützern und Friedensbewegten, Sozialhelfern und Social Entrepreneurs bewege. Dort sammeln sich Persönlichkeitstypen, die meinem auffallend ähneln. Einschließlich einiger blinder Flecken und alter Glaubenssätze, die mir erst in den letzten Jahren bewusst werden. Bis dahin war mir unbekannt, dass sie existieren, geschweige denn, wie leidvoll sie sich auswirken. Nun stelle ich mir die Frage, ob solche unbewussten Denkstrukturen auch die großen sozialen Bewegungen begleiten? Wenn das stimmt, geht es nicht um ein privates Problem, sondern um eines mit gesellschaftlicher Tragweite. Denn fatalerweise werden wir am stärksten von jenen Anteilen unserer Identität beherrscht, die aus dem Schatten des Bewusstseins heraus agieren. Sie können die guten Absichten des Engagements für sozialen Fortschritt überlagern und untergraben. Das gilt für einzelne Menschen, für Organisationen, für ganze Gesellschaften.

Das eigene Beispiel zur Veranschaulichung. Meine Karriere als guter Mensch begann mit sechs Jahren. Ich wurde Messdiener. Bis 15 hatte ich mich zum Oberministrant hochgedient. Mit 18 verwarf ich den Plan, Berufsoffizier zu werden, obwohl ich Hubschrauberfliegen für eine scharfe Nummer hielt. Ich verweigerte den Kriegsdienst und schützte fortan als Zivi Kleingewässer, Kopfweiden und Knoblauchkröten. Als Journalist schrieb ich fortan über ökologische Themen, Entwicklungspolitik und Friedenslösungen. Später gründete ich eine Stiftung, um konstruktiven Journalismus zu fördern, und einen Verein, der Friedensstifter unterstützt. Dafür wurde ich als „führender Sozialunternehmer“ ausgezeichnet. Außerdem bin ich meistens freundlich, spende regelmäßig und habe mein Auto vor 27 Jahren abgeschafft. Sollte sich das nach Beweisnot anhören: Genau darum geht es.

Denn neben echter Freude und Menschenfreundlichkeit hat mein Engagement auch etwas Zwanghaftes. Ich gebe vor, aus kreativer Fülle handeln, dabei gibt es noch ganz andere Antreiber. Dazu gehört ein alter Glaubenssatz, aus der Liebe gefallen zu sein. Ich habe das Gefühl, falsch zu sein und nie zu genügen. So stehe ich seit Kinderzeiten am Zaun zum Paradies, rüttle daran wie einst Gerhard Schröder am Gitter des Bundeskanzleramtes und rufe: „Ich will da rein.“ Meine Strategie dafür ist wenig einfallsreich und gerade im sozialen Bereich weit verbreitet: Ich will mir die verloren geblaubte Liebe durch gute Taten verdienen.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Wenn ja, kennen Sie vielleicht auch das Resultat der lebenslanger Suche nach dem Guten, Schönen und Wahren im Außen: Sie bringt nichts. Egal wie sehr man sich anstrengt, das seelische Vakuum bleibt. Es wächst sogar noch. Zwar habe ich einiges in diesen seelischen Krater hinein geworfen, berufliche Erfolge, die Liebe von Frauen, die Treue alter Freunde. Aber all die Anerkennung und Zuwendung verwandelte sich, wie bei einem Schwarzen Loch, auf rätselhafte Weise in Anti-Materie. Weshalb ich mich dann noch mehr angestrengt habe. Nun könnte man fragen: Was schadet es, wenn der Antrieb für soziales Engagement aus seelischen Defiziten entsteht? Hauptsache, die Ergebnisse stimmen! Doch die Erfahrungen, auch mit vielen Kollegen und Verbündeten, legen andere Schlüsse nahe. Die Veränderung zum Besseren, die wir anstreben, wird durch verborgene Motive boykottiert. In vielen Fällen verkehren sie beste Absichten in verheerende Resultate. Es wird Zeit für ein paar unbequeme Fragen an uns Gut-Macher.

Müssen Weltretter fleißiger sein als Weltruineure? „Es ist fünf vor zwölf.“ Wie oft bemühen Umweltschützer diese Losung, wenn sie Alarm schlagen. Es ist richtig, Mutter Erde geht´s speiübel. Naturzerstörung, Luftverschmutzung, Artensterben und Verwüstung sind bedrohlich. Die ökologische Wende wird hinausgezögert, dabei wäre Handeln angesagt. Dennoch stellt sich die Frage, warum sich Menschen in der Umweltbewegung durch Angstszenarien so unter Druck setzen. Denn dafür steht die Metapher von der tickenden Uhr: Wir haben noch fünf Minuten Zeit, wenn überhaupt. Dann ist High Noon. Weltende. Apocalypse now. Wir müssen uns beeilen. Um das Unglück vielleicht doch noch abzuwenden. Deshalb müssen wir auch mehr arbeiten als die Umweltzerstörer. Mehr Projekte, Papiere, Proteste. Mehr Fundraising, Meetings, Mailings. Statt einem Traum vor Augen treibt uns der Albtraum im Nacken. Wir setzen uns unter Druck. Ich bezweifle, dass Bedrohung auf Dauer als Motivator taugt. Ihre Negativität färbt die Botschaften, die eigentlich begeistern und ermutigen sollen, dunkelgrau ein, ihre Wirkung stumpft mit der Zeit ab. Gewohnheit ist die Gabe, sich auch unter dem Damokles-Schwert wohnlich einzurichten.

Der Versuch des Hasen, schneller als der Igel zu sein, kann im Kollaps enden. Ein Bekannter, der sich in Bayern im Naturschutz engagierte, hatte ständig einen übervollen Terminkalender, quetschte aber immer noch Veranstaltungen hinein. Eines Abends, nach einem Vortrag über das Waldsterben, wollte er mal wieder schnell nach Hause und raste mit 150 km/h vor einem Baum. Er überlebte schwerverletzt. Als er wieder an Krücken laufen konnte, füllte er seinen Kalender schnell wieder. Alte Verhaltensmuster waren stärker als die Lektion am Straßenrand. Ich hörte mal auf einer Nachhaltigkeitskonferenz, bei der ein Vortrag den anderen jagte, wie eine Frau ihrer Nachbarin zuraunte: „Dieser Fleiß bringt uns noch um.“ Auf jeden Fall bringt er die Seele um. Aktivismus ist schnell, das Herz ist langsam. Es kommt nicht mehr mit. Das Fühlen bleibt auf der Strecke. Das Resultat sind verkopfte Formen des Engagements. Schlimmer noch: Sie kopieren den kalten Modus des Schneller-Höher-Weiter-Mehr, der jenen Turbokapitalisten zu eigen ist, deren zerstörerisches Treiben eigentlich gestoppt werden soll. In seinem Lied „Nur noch kurz die Welt retten“ trifft Tim Bendzko exakt den Ton. Wir stellen die Liebe und unsere Liebsten zurück, denn wir müssen noch 148 Mails checken; wir fühlen uns wichtig, denn wir haben eine ganz besondere Mission; wir wollen da sein, wo was passiert, denn es passiert so viel; sicher was Schlimmes, ich muss jetzt los, sonst gibt’s die große Katastrophe. – Man stelle sich vor, es ist Weltende, und wir haben uns gerade einen Tag frei genommen: Das wäre wirklich die Vollkatastrophe.

Geben um zu geben – oder um etwas zu bekommen? Es gibt Situationen, da lächelt ein Mensch den anderen an, einfach aus Zuneigung, ohne Erwartung, aus Freude über die Freude. Aber es gibt auch das manipulative Lächeln, zur Schau getragene Freundlichkeit, die das Gegenüber dazu bringen soll, ebenfalls freundlich zu sein. Meist unbewusst. Ein ähnliches Muster greift, wenn man jemandem in Not hilft, ohne zu bemerken, wie groß die eigene Not ist, nämlich das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung. Was wir uns selbst versagen, wollen wir von anderen bekommen. Im sozialen Bereich, in der Umwelt- und Friedensbewegung, arbeiten Menschen ehrenamtlich manchmal härter, länger, mit mehr Herzblut als auf bezahlten Stellen. Ob als selbstlose Geber oder als Bedürftige, das zeigt sich oft erst dann, wenn das Gleichgewicht zwischen Einsatz und Rückfluss aus den Fugen gerät. Der Zusammenbruch, darauf weisen Burnout-Forscher hin, geschieht in dem Moment, wo der erhoffte Rückfluss an Anerkennung ausbleibt, egal ob der nächste Karriereschritt oder ein Lob vom Chef. Erschöpfung und Depression sind die Folge. Nicht der Wunsch nach Wertschätzung ist das Problem, sondern dessen Tarnung. Wir gestehen uns nicht zu, dass wir, die wichtigen Weltretter und unerschrockenen Sozialhelden, ganz normal Bedürftige sind. Ganz einfach: Wir wollen geliebt werden. Doch wer Selbstlosigkeit vorgibt, aber heimlich Gegengaben erwartet, darf sich nicht wundern, wenn an seiner Authentizität gezweifelt wird.

Heiligt der Zweck die Mittel? Zu beobachten ist das widersprüchliche Verhalten von Klimaschützern, die von einer Konferenz zur anderen jetten. Dabei produzieren sie kaum Schutz, aber reichlich Klimaschäden. Natürlich kann es keine Lösung sein, internationale Verhandlungen der Öl- und Kohlelobby zu überlassen. Aber unter vier Augen, nach dem dritten Whiskey an der Hotelbar, bestätigen die Kollegen, dass es auch die Lust am Reisen ist oder die Flucht vor Büroroutine, die sie in die Flieger treibt. Alles verständlich. Erst die Verheimlichung macht daraus eine Doppelmoral. Wie bei jenem Top-Funktionär des deutschen Umweltschutzes, der seine Premium-Vielfliegerei (600.000 Meilen = 28,5 Erdumrundungen im Jahr) allen Ernstes als „berufsbedingt“ rechtfertigte. Sonst würde die Grundlage wegfallen, sich über andere zu erheben und sie als Klimasünder zu brandmarken. Ein brennendes ökologisches Thema ist der „nachhaltige Einsatz von Ressourcen“. Es geht um den schonenden, bewussten Umgang mit knappen und wertvollen Gütern. Diese Haltung gesellschaftlich zu verankern, bedeutet mühevolle Aufklärungsarbeit. Sie wird jedoch untergraben, wenn nicht wenige der Gutmeinenden Raubbau mit den eigenen Ressourcen treiben. Sie powern sich aus, betreiben Selbstausbeutung, gehen über Grenzen. Natürlich immer im Dienste der guten Sache. Doch der erweisen sie einen Bärendienst. Kahlschlag im eigenen Körper, Brandrodung in der Seele: Das macht jeden Nachhaltigkeitsappell nichtig. Der Mann einer befreundeten Sozialunternehmerin, die sich für ein besseres Lernklima in Schulen engagierte, beschrieb mir die letzten Tage im Leben seiner Frau. Jeden 16 Stunden Arbeit, kaum Schlaf, keine Zeit mehr für körperliche Bewegung, viele Zigaretten, um den Stress zu kompensieren. Sie starb am Herzinfarkt, keine 50 Jahre alt. Ihr Mann sagt: „Sie hat sich zu Tode gearbeitet.“ Über die persönliche Tragik hinaus weist die Geschichte auf ein allgemeines Gesetz hin: Unheilige Mittel verderben den Zweck. Der Weg, den wir einschlagen, ist mit dem Ziel untrennbar verbunden. Unmenschliches Verhalten, ob gegen andere oder sich selbst, korrumpiert den Einsatz für humanistische Ziele. Machen oder Sein? Der Macher in mir zeigt sich als jemand, der sich als das Gute schlechthin darstellen will. Die Geschäftigkeit, die er anstößt, geht letztlich auf ein Set alter Glaubenssätze zurück, die im Ich-System verankert sind. Etwa: Wenn ich nichts mache, geschieht auch nichts. Nur wenn ich etwas leiste, habe ich eine Daseinsberechtigung. Gute Taten werden sich lohnen, ausgezahlt wird in einer Währung namens Liebe, die mir entgegen gebracht wird. Mit der Realität des jetzigen Augenblicks haben solche alten Hüte nichts zu tun. Aber sie wirken, wenn ich ihnen glaube. Gutmachung soll den vermeintlichen Verlust des Gut-Seins kompensieren. In den Seinsmodus dagegen gelangen wir, wenn wir auf Distanz zu einem Ego gehen, das machen, haben und kontrollieren will. Der Impuls zu handeln entsteht in einem offenen inneren Raum, der sich erfüllen lässt von dem, was jetzt ist. In diesem Bewusstseinszustand, das lehrt uns buddhistische Weisheit, gibt es keinen Jemand, der tut, und dennoch wird getan.

Wohin mit dem ständig schlechten Gewissen? Stuttgart, eine Konferenz zur gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen. Auf der Bühne steht ein zehnjähriger Junge, der sich mit anderen Schülern vorgenommen hat, auf der ganzen Welt soviel Bäume zu pflanzen wie es nur geht. So weit, so gut. Doch jetzt hält er eine Rede. Seit einer Viertelstunde beschimpft er die Erwachsenen, die Welt herunter gewirtschaftet zu haben. Das Älteren-Bashing gipfelt in dem Ausruf: „Wir Kinder trauen euch nicht mehr. Wenn ihr den Systemwechsel nicht hinbekommt, müssen wir das in die Hand nehmen.“ Eigentlich wären jetzt ein paar Fragen fällig: Im Namen welcher Kinder glaubt er zu sprechen? Was weiß der Knirps von Systemwechsel? Welcher Teufel hat die Eltern geritten, ihn Milchzahn-Mahatma zu trimmen? Doch was geschieht am Ende seiner Levitenlesung: Das Publikum jubelt ihm zu. In Stuttgart wie in vielen anderen Städten, in denen er auftritt. Je heftiger die Beschimpfung, desto frenetischer die Ovationen.
Eine Erklärung für diese masochistischen Anwandlungen sehe ich in Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen. Irgendwas machen wir ja immer falsch. Da ist es gut, dass uns Kinder – diese Unschuld! diese Menschen von Morgen – erbarmungslos den Spiegel vorhalten, in dem unsere mangelnde Konsequenz aufscheint. Schlechtes Gewissen plagt ausgerechnet jene Menschen besonders stark, die sensibel auf den desaströsen Zustand der Erde reagieren. Egal wie sehr sie sich für das Gute einsetzen, es ist nie gut genug. Auf vegetarisch umgestellt – warum nicht vegan? Nur noch Duschen anstatt Vollbad – täte es nicht auch ein nasser Waschlappen? Mit der Bahn angereist – Fahrrad wäre noch besser! So dreht sich das Karussell aus Schuld und Sühne weiter. Der Ablasshandel floriert. Ent-Schuldigung gibt es gegen eine Extrarunde Aktivismus. Oder indem man minderjährigen Umweltengeln huldigt und sich dadurch auf die Seite der Besseren schlägt.

Was tun, wenn unter Friedenstauben die Gewalt ausbricht? Unvergesslich ist mir ein Vorfall in einer hessischen Ortsgruppe von amnesty international. Dort führte ein ehrwürdiger ehemaliger Richter den Vorsitz. Der Konflikt mit einem jungen Rebell, dem die Methoden des Richters zu verstaubt vorkamen, eskalierte. Es kam zu einem Handgemenge, der Junge ohrfeigte den Alten. Jetzt hätte es interessant werden können. Die Gruppe hätte sich Gewalt anschauen können, hier und heute, ein mal nicht projiziert auf ferne diktatorische Regimes. Man hätte am eigenen Leib erfahren können, welche Herausforderung der Umgang mit aggressiven Anteilen für uns Menschen bedeutet. Verständnis hätte sich vertiefen können. Tatsächlich jedoch hat sich die Gruppe nach besagter Ohrfeige sofort aufgelöst. Weil nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf. Doch wenn wir ehrlich sind, sind uns Abwertung anderer, boshafte Gedanken oder übergriffige Aktionen auch nicht fremd. Gewalt ist auch in uns, sie darf aber auf keinen Fall gesehen werden, sie passt nicht zum Image. Als 28jähriger trat ich in die Redaktion eines ökologischen Monatsmagazins ein. Man hielt sich dort für nichts weniger als die Avantgarde humanistischer Denkungsart. Doch der Machtkampf, der dort ausbrach, als ein neuer Chefredakteur übernahm, war das brutalste, was ich je in einer Firma erlebt habe. Er wurde ausgefochten mit heimlichen Intrigen und offenen Beschimpfungen, mit Denunziation und Mobbing. Damals war ich schockiert. Heute denke ich: Warum sollte es dort anders sein? Seit 15 Jahren berichte Ich aus Kriegs- und Krisenregionen. Dort erlebe ich viele Grausamkeiten, die sich Menschen antun. Zunächst konnte ich sie nur außen sehen, in Soldaten, Folterern, Vergewaltigern. In Übereinstimmung mit meinem Selbstbild als friedlicher Mensch mit staatlich geprüftem Gewissen. Es war wie ein Schock zu erkennen, wie viel Gewalt auch in mir ist. Ein Schlüsselerlebnis war, als mir in Nigeria, nach einem Massaker, bei dem in einer Nacht fast 500 Menschen getötet worden waren, Fotos der Leichenberge angeboten wurden. Der erste Reflex: Wow, das wertet die Reportage auf! Ohne Mitgefühl für die Toten. Vorbei war es mit der Illusion vom Parade-Pazifisten. Projektion nennt die Psychologie den Vorgang, bei dem Menschen ungeliebte Persönlichkeitsanteile hinauswerfen, auf eine Leinwand namens Welt, weil es ihnen unerträglich erscheint, sie in sich zu wissen. Projektion ist auch bei vielen politischen und sozialen Bewegungen im Spiel, deren Vertreter alles Schlechte dieser Welt weit weg von sich verorten, um es dort aggressiv bekämpfen. Das Banale am Bösen ist: Es nistet sich überall dort ein, wo sich Unbewusstheit breit macht.

Was können wir tun, was sollten wir lassen? Ein Problem, wusste Albert Einstein, könne man nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben. Wenn wir Habitus, Hochgeschwindigkeit und die kalte Effizienz derjenigen übernehmen, die als Diener der Ökonomisierung aller Lebensbereiche zu Zerstörung und Ausbeutung beitragen, führen wir unser Engagement ins Absurde. Um marode Systeme zu transformieren, brauchen wir eine Haltung, die Denken, Fühlen und Handeln auf eine neue Weise integriert. Aber wie können wir die alten, destruktiven Muster brechen? Patentrezepte kenne ich leider auch nicht. Der erste Schritt könnte darin bestehen, sich die eigenen Muster bewusst zu machen. Das ist kein magischer Vorgang, sondern erfordert lediglich die Bereitschaft zur Innenschau. Wir können inne halten und uns Fragen stellen: Von welchem inneren Ort aus handele ich? Was will ich dafür haben? Wie fühle ich mich dabei? Methoden wie Meditation, Coaching und Supervision unterstützen die Recherche im Innern. Sie helfen, in Schatten hinein zu leuchten und unbewusste Glaubenssätze aufzudecken. Das wichtigste dabei ist, mit dem Herzen zu sehen. Wir brauchen eine gehörige Portion Mitgefühl, um auch diejenigen Anteile anzunehmen, die zunächst wenig liebenswert erscheinen. Sonst landet man wieder auf dem Schuldkarussell. Schattenarbeit von jenen, die für das moralisch Gute in der Welt eintreten, ist keine Privatsache. Sie hat Relevanz für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft. Deshalb halte ich es für wichtig, sie auf Vereine, Verbände und Unternehmen im sozialen Bereich auszuweiten. Wie Persönlichkeiten haben auch sie blinde Flecken, in denen sich die verdrängten Motive ihrer Mitglieder verdichten. Wie befreiend könnte es sein, zur eigenen Bedürftigkeit nach Anerkennung zu stehen. Wie erleichternd, die Bürde dauernder Bringeschuld abzuwerfen. Wie entspannend, die Pflicht zur Weltrettung als Größenwahn zu entlarven. Wenn das Müssen unser Wollen nicht mehr überwuchert, können Freude und echte Menschenliebe als authentische Motive hervortreten. Gesellschaftliches Engagement sollte auch Phasen von Langsamkeit und Stille kultivieren. Sie erlauben uns fühlen, was wir tun. In dieser bewussten Verbindung von Fühlen, Denken und Handeln liegt das Potential für wahren Wandel. Gandhis Satz, wonach wir die Veränderung sein sollten, die wir in der Welt sehen wollen, ist nicht nur weise, sondern auch pragmatisch. Man kann dort anfangen, wo man tatsächlich Zugriff hat – bei sich selbst.